Das unsichtbare Dreieck und die Kugel

Es ist nicht zu übersehen: Die Pankower Künstlerin Hannelore Teutsch bezieht sich mit ihrem rätselhaften Bild "Balance" (Abb.) - dem Blickpunkt ihrer Ausstellung in der Galerie am Prater - auf die Maler der "Pittura Metafisica". So nannten sich um 1916 italienische Maler des Surrealismus um Giorgio de Chirico, die den Stil der Renaissance aufnahmen und ins Magische, ja, Irreale trieben - vor allem wegen der Schlagschatten, aber auch, weil die Perspektiv-Linien stürzen und der Bildraum wirkt, als könne man ihn zusammenklappen. Jedes Ding hat in dieser Bildsprache zwei Erscheinungsformen. Eine, die den gewohnten Anblick bietet und eine geisterhafte, die nur im Moment tiefster Einsicht und mystischer Stimmung erkannt wird. Hannelore Teutschs Motiv eines klassizistischen Palastes an einem menschenleeren Platz lässt an die Tempel auf der Museumsinsel denken. Die Dachskulptur und die zwei wachenden Löwen auf Sockeln bilden ein unsichtbares Dreieck, unter dem sich eine Kugel befindet. Deren helles Rund und die links und rechts in den Raum gereckten, abrupt endenden Treppen stellen das eigentliche Thema - oder die Botschaft - dieses Bildes dar. Es steht die stumme Frage im Raum, welches Verhältnis die moderne Gesellschaft zu Kunst und Kultur hat und welcher Balanceakt wohl notwendig ist, um Überkommenes und das drängende Neue zu vereinen. (ir.)

Galerie am Prater, Kastanienallee 100

Ingeborg Ruthe, Berliner Zeitung, Ressort: BerlinBerlin 20.06.2002
 
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