Hannelore Teutsch ist in Prieros als „Randberlinerin“ aufgewachsen. Väterlicherseits stammt ihre Familie aus Siebenbürgen. Im Arbeitszimmer von Hannelore Teutsch hängt ein Selbstporträt ihres Urgroßvaters Joseph Teutsch, der in Siebenbürgen Lehrer und Maler war. Ein Onkel von ihr – Walter Teutsch – gehörte nach dem I. Weltkrieg einem Münchener Malerkreis um Gabriele Münter an. Gabriele Münter wiederum war vor dem I. Weltkrieg Mitinitiatorin der berühmten Künstlergruppe „Der blaue Reiter“, in deren geistiger Atmosphäre Wassily Kandinsky der Durchbruch zur Abstraktion gelang.

Kandinskys Weg zur abstrakten Kunst folgt die Malerin Teutsch in ihren Bildern nicht, auch wenn ihre Werke eine enge Vertrautheit mit der künstlerischen Moderne zeigen. Auf den Gemälden von Hannelore Teutsch erkennt man ohne weiteres Häuser und Straßen, Menschen und Tiere, Bäume und Gegenstände. Aber die uns so vertraute gegenständliche Welt – man denke etwa an die Berlin-Bilder – ist bei ihr in ein merkwürdiges Licht getaucht, wird in einer ungewohnten Perspektive gegeben. Für mich ist diese eigentümliche Darstellungsweise mehr als nur ein ästhetisches Spiel. Sind nicht den Bürgern des untergegangenen Staates DDR die Verhältnisse in ihrem Land oft genug im höchsten Grade seltsam vorgekommen? Und war (und ist) das, was danach folgte, für sie nicht auch in vieler Hinsicht äußerst merkwürdig? Der Mensch – das entnehme ich den Bildern – bewegt sich zu allen Zeiten in einer Rätselwelt, die nicht selten unheimliche und bedrohliche Züge annimmt.

Aber die sonderbare Rätselwelt, in der wir leben, kann auch freundlichere Seiten an den Tag legen. Als eine solche heitere Märchenwelt erscheint sie z.B. in Illustrationen für Kinderbücher. Den verschiedenen Erscheinungsweisen der Welt begegnet sie nicht zuletzt mit einer Vielzahl (meisterlich gehandhabter) künstlerischer Techniken: von der Öl- und Acrylmalerei bis hin zu Stickbildern und Hinterglasgemälden (von den verschiedenen grafischen Techniken ganz zu schweigen). Diese Beherrschung der handwerklichen Seite der Kunst verdankt Hannelore Teutsch wohl zu einem guten Teil ihrem besonderen Ausbildungsweg. Obwohl sie, wie sie erzählt, von jeher gern zeichnete, ist sie nicht auf direktem Wege zum Beruf des Malers gelangt. Nach Abschluß der Schule ließ sich Hannelore Teutsch zur Gebrauchswerberin in Potsdam ausbilden und absolvierte das Fachschulstudium Gebrauchsgrafik in Berlin-Schöneweide. Sie habe gute Lehrer gehabt und sich eine Vielzahl technischer Grundkenntnisse grafischen Arbeitens aneignen können. Nach Lehre und Studium findet Hannelore Teutsch eine Anstellung als Typografin beim Verlag Volk Welt in Berlin, einem der größten und wichtigsten Verlage der DDR. Neben der Schriftgestaltung arbeitet sie hier in der Verlagswerbung und kann so ihr grafisches Talent weiter entfalten. Bald entwirft sie auch Illustrationen und Umschläge für andere Verlage. Ab Mitte der 60er Jahre beginnt sie in ihrer Freizeit zu malen. So vollzieht sich im Schaffensweg von Hannelore Teutsch der Übergang zur bildenden Kunst.

Das praktische, angewandte Arbeiten gibt Hannelore Teutsch dennoch nie auf, auch 1977 nicht, als sie freiberuflich tätig wird. Von der Malerei allein hätte sie nicht leben können. Heute ist es freilich eher das Layouten als die Buchgestaltung im traditionellen Sinne, womit Hannelore Teutsch zum Unterhalt der Familie beiträgt. Der Umgang mit dem Computer ist ihr inzwischen ebenso geläufig wie die alten Arbeitstechniken.

Aus dem Artikel von Michael Dewey
 
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