Die Stadt wird zum Traumraum

Die Illustratorin Hannelore Teutsch stellt sich in der Berliner »Galerie am Prater«
auch als Malerin vor


Berlin. Zu ihrem 60. Geburtstag überrascht Hannelore Teutsch mit einer Werkschau in der Berliner »Galerie amPrater«, die einen aus dem Staunen nicht entlässt. Bekannt wurde sie durch Illustrationen unzähliger Bücher, die teilweise auch als »Schönstes Buch des Jahres« prämiert wurden. Doch dass sie auch malt, war kaum bekannt.

Wie das Ausstellungsmotto »In der Stadt – Vor der Stadt«, lebte auch die Berlinerin abwechselnd sowohl großstädtisch als auch ländlich am Stadtrand, so dass neben den Feldern, die Stadtvillen aus der Vorstadt aber auch die Mietshäuser hängen. Zum einen widmet sie sich hingebungsvoll architektonischen Details der »Villa Horridoh«, wogegen das Triptychon von der Ecke am Tacheles in der Oranienburger Straße großflächig schemenhaft ist, was an die Tradition Konrad Knebels erinnert.

Doch Hannelore Teutsch fasziniert durch eine Wendigkeit, mit der sie sich jedweder Einordnung entzieht. Eine andere Stadtansicht zeigt den Wasserturm kühl an einem menschenleeren Platz dahindämmern, wäre da nicht das rot-weiße Sperrschild und der Mann mit der roten Zipfelmütze. Hannelore Teutsch entdeckt in der Großstadt den Charme einer Landschaft und die Natur weist sie in geometrische Figuren. Ein weites Feld beherbergt am Horizont eine triste Baracke, durch die der Acker erst geformt erscheint. Aber die Stadt wird zum Traumraum und wie von Chagall geflohene Gestalten fahren auf der Spree mit einem Floß.
Auch in ihren phantasievollen erzählerischen Graphiken zeigt sich neben einer Detailliebe der Spaß am Surrealen. Leider sind die Bilder in derAusstellung an der Wand fixiert, denn erst wenn man sie oder eben seinen Blick kreisen lässt, entdeckt man die Anamorphosen: Aus der Landschaft winden sich zwei Raucher oder der Kuss verliert sich im Meer.

Wie in diesen Vexierbildern spielt Hannelore Teutsch mit optischen Täuschungen aber auch mit Stilmitteln aller Epochen. Das Selbstporträt, in Öl lasiert aufgetragen, wirkt wie ein italienisches Fresko. Doch Absurdität kennt keine Grenzen: Hannelore Teutsch stickte vom modernsten Ort der Stadt, dem Potsdamer Platz, ein zärtliches Bildnis. Offensichtlich bedarf es erst der antiquierten Seidenstickerei um sich diesem menschenverachtenden Platz anzunähem.

Der meisterhaften Vielfältigkeit verhilft auch die in jeder Nuance stimmigen und von der Künstlerin verantworteten Ausstellungsgestaltung – wie Rahmen, Hängung und Titelschilder – zum Genuss.

Anna Scheer in Märkische Oderzeitung 2002
 
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