Jürgen Rennert

Märchen von einer, die auszog, das Leben in Bildern zu fangen


I

Es war einmal eine Zeit, in der das Sticken, Applizieren und Posamentieren noch geholfen hat. Gegen Herzstechen und Bauchgrimmen, gegen Liebesleid und Fernweh, gegen den unstillbaren Lebenshunger und das rasche Verticken der Zeit. Gegen schnelles Vergessen und vorschnelles Hoffen. Da saßen die Frauen und Mädchen des Tags, der langsamer als heute verging, geduldig am Fenster. Und des Abends, der länger währte als heute, hockten sie beim Schein der blakenden Lampe in den Stuben. Umgeben von Nadeln, Stoffen und farbigen Garnen. Über runde und eckige Rahmen gebeugt, in denen sich nichts spannte außer dem Linnen, das manchmal grau und grob war und handgewebt.
Klär mich auf, seufzte die Trübsaal. Blas mich fort, flehte die Trauer. Mach was Schönes aus mir, bat die Unscheinbarkeit. Stich mich durch, wo du willst, brummte der Stoff, aber fang endlich an und zeig mir die Schlaufe!
Und das Mädchen, das sehr zart war und den Phlox liebte, errötete bis in die Spitzen seiner langen Haare, fädelte der Nadel den Faden durchs Öhr und stach zu. Und zog durch. Und stach zu.
Und zog durch. Und stach zu. Oi, staunte der Stoff. Joi, lachte das Mädchen. Und ehe er sich's versah, hatte der Stoff alle Ruhe und Unschuld verloren. Jeder zweite Stich ein Strich. Jeder Strich zwei Stiche. Und seine kessen Sprüche in der Art des: Mir kann keine! und: Keiner sieht mir was an! verwandelten sich unter der liebreizenden Stickerei in Gestöhn und Geflüster: Ach ja! und Bitte, mach weiter!
Stich um Stich, Strich um Strich erhitzte sich das Mädchen, kamen ihm Bilder vor Augen, die es hundertmal gesehen und geträumt, aber in ihrer sonderbaren Anzüglichkeit kein einziges Mal ganz erfasst hatte. Und es fing Feuer und erinnerte sich mit all seiner Vorstellungskraft der charakteristischen Farben und Einzelheiten des von schwindelfreien Leuten bewohnten dicken Wasserturms an der Diedenhöferstraße, des bordeauxroten Kinderwagens und der flotten Mama mit dem feuerroten Punkerschopf. Und die Mondsichel über der Villa »Horrido«, unweit der Schönholzer Heide, legte sich – hellauf begeistert von soviel Symmetrie und klassizistischer Schönheit inmitten der Stadt – auf den krummen Rücken und schaukelte wie in südlichen Ländern traumverloren im Abendgewölk vor sich hin. Und ihr Schwesterchen, die kleine Möndin, ließ sich wie eine venezianische Gondel nieder im offenen Haar eines bis an die Knöchel schwarz gewandeten Mädchens, das im Unterschied zu unsereinem, ziemlich keck und genau zu wissen schien, wohin es wollte und wem es zustrebte.

II

Und wie es stets zu sein pflegt, wenn der Kopf frei ist von eigensüchtigen Gedanken und das gelassen schlagende Herz sich bis zum Nachbarn hin weitet, wird die Seele für den Anflug verflossen geglaubter Empfindungen empfänglich.
Was einst bis zum Zerreißen schmerzte, kaum gewusst und bedacht werden konnte und eilig zu den verschnürten Briefen, hölzernen Stopf-Eiern und porzellanenen Fingerhüten in die Tischladen und Wandtruhen gestopft worden war, lebt wieder auf. Und erhebt sich wie Phönix, der sagenhafte Vogel, aus der Asche des Verdrängens und Vergessens.
Was war dem Mädchen, das nun leichthin durch die Straßen schritt, nicht alles widerfahren! An Schrecklichem und Wunderbarem! Mit weißmähnigen Dichterfürsten, kurzgeschorenen Poeten, halblang frisierten Prinzessinnen und Prinzen hatte es lange Zeit hinter der dichten dornigen Rosenhecke, die das Ländchen im Lande wie eine Mauer umschloss, aus goldenen Bechern getrunken, von goldenen Tellern gegessen. Und viele vor- und nachgelassene Poesien illuminiert und illustriert und aus Bleiwüsten hinausgeführt ins schöne Buchenland.
Wie viele Ängste und Einsamkeiten hatte es in dem literarischen Trubel des Prenzlauer Bergs ausgestanden. Und wieviel Zuspruch und Stille, wieviel Bangen und Sehnen im Wilhelmshorster Refugium erfahren. Wie oft hatte es sich in Wut und Trauer überm Linoleum und am Küchentisch, beim Gemüseputzen für die mediterranen Gerichte, in die eigenen Finger geschnitten. Statt die versammelte Egomanie zu erdolchen!
Noch nie hat ein Reh, verfangen im Drahtgespinst der Argumente, seinen Jäger erschossen. Schade. Oder auch nicht. Denn wer's als Jäger überlebt, hat hinfort reichlich Grund, auf den leeren Hülsen der Patronen, die ihr Ziel verfehlten, »Nun danket alle Gott« zu pfeifen. Auf die dreihundertfünfzig Jahre alte Melodie von Johann Crüger.

III

Johann Crüger: Kantor an der Nikolaikirche in Berlin, genialer Komponist und Musikdirektor, verlässlichster Freund und Propagandist Paul Gerhardts. 1623, ein Jahr nach dem Herausgehen seines »Musikalischen Lustgärtleins«, gingen die Teutschens aus dem mährischen Iglau fort ins Siebenbürgische, ins Burzenland, nach Kronstadt. Der evangelischen Religion wegen, von der sie partout nicht lassen wollten. Als Geistliche, Dichter, Maler und Lehrer versahen sie – wie es augenaufreißend heißt – ihren Dienst an den Menschen. Und das »In den Zelten« zu Berlin geborene Mädchen, das nicht nur wissen wollte, wohin die Reise geht, sondern wo sie – halbwegs ermittelbar – begonnen hat, forschte, ganz wie heute noch in seinem Panketaler Garten, mit der Kinderschippe den Wurzeln der eigenen Her- und Abkunft nach. Es suchte nach dem Vertrauten und Trauenswerten in den Ästen und im Gezweig des Stammbaums, dem es im Juni 1942, mitten im kältesten Winter der deutschen Geschichte, entsprossen war. Der weißhaarige Dichterfürst und Vagant, dem das Mächen zwei Jahrzehnte später über lange Zeit hin als junge Gefährtin unerlässlich war, und dessen nachgeborene Biographen sie heute eher verschweigen als erwähnen, rief sie entgrenzend Jeanette. Er brachte ihr die faszinierende Welt der Bilder, d. h. die Bilder der faszinierenden Welt, vor Augen, samt all der großenteils rätselhaften und absurd anmutenden Biografien der Malerinnen und Maler: in Drucken, Büchern und Katalogen von Präsentationen an unerreichbar dünkenden Orten. So wusste das Mädchen weitaus eher als viele andere um die Bedeutung Murnaus, erfuhr es von Gabriele Münter und Wassili Kandinsky.
Von seinem Großonkel, dem Maler Walther Teutsch, 1883 in Kronstadt geboren und 1964 als emeritierter Professor der Akademie der bildenden Künste in München gestorben, las es erst vor kurzem, dass er in Murnau die siebenbürgische Heimat wiederfand: »in den hohen Bergen, in den Menschen, in der Tierwelt, in den Pflanzen und Bäumen«. Warum er 1939 absolutes Lehrverbot erhalten hatte, war einem Teil der Familie des Mädchens lebenslang genierlich: der Mann hatte sich von seiner jüdischen Frau nicht scheiden lassen. Auf einem Foto, das das Mädchen vor wenigen Jahren von Barbara gemacht hat, der Kusine zweiten Grades, zeigt sich – verblüffend und tröstlich – physiognomische Ähnlichkeit.
Wer den Dingen nachgeht, dem gehen die Dinge nach. Wer das Wort beim Wort nimmt, dem spricht es zu. Wer sich auf Bilder einlässt, den lassen sie nicht mehr aus. Dem drehen sie sich. Dem kippen sie um vor den Augen. Noch ehe der vom Wort her gedämpfte und abgefederte Verstand es begreift. Wie auf den in Linol geschnittenen Vexierbildern des Mädchens, das bei allem, was es sieht, noch ein weiteres Mal hin- und nachschaut. Da wird die Landschaft unversehens zum Engel, der südwärts fliegende Vogel zur Witwe im Regen, das Antlitz der Frau zum brückenüberspannten Spreearm am Park Monbijou.

IV

Es war einmal eine Zeit. Die dauert noch an. Und zwar solange, wie sich das Mädchen noch abmüht und Tag für Tag hinhockt und aufsteht, malt und stickt, schneidet und schneidert, Ohrgehänge und andre Pretiosen verfertigt. Das Telefon und den Mac von Apple in greifbarer Nähe. Und alles scheinbar für nichts und um weniges Geld.
In kurzen Intervallen vertritt sich das Mädchen die von knöchellangen Röcken und Kleidern umspielten Beine. Vermeintlich fremde Leute grüßt es wie Geschwister. Mit dem eigenen Leben hadert es nicht. Mit einem wie für alle Ewigkeit reisefertig gepackten Ranzen und manchmal noch farbspurgezeichneten Händen bereist es an festgelegten Tagen Zepernick-Panketals Vorort: Berlin. Dort visitiert es die scheinbar leeren, vom Abriss verschonten Häuser, die bis zu den Dachgärten hinauf voll und bewohnt sind von herzbewegenden Geschichten aus dunkler und hellerer Zeit.
Das unentwegt schlanke und flinke Geschöpf hat sich bei aller Wachheit und Neugier sein Sitzfleisch bewahrt. Und längst einen Menschen gefunden, den es verdient und der es verdient hat. Er versteht sich – wie nur wenige – penibel auf Farben und menschliche Formen, auf Abformung und auf Bildhauerei. Ihrem Für- und Miteinander verdanken die beiden die Tochter Therese. Eine junge Frau, deren Haar ins Rötliche spielt und die erwachsener wirkt als das Mädchen, das sie gemalt hat. So muss es wohl sein. Und so soll es auch bleiben. Ungeachtet aller Bedenklichkeit jener mit »Und wenn sie nicht gestorben sind« anhebenden offenen Schlüsse der Märchen.

Zur Ausstellungseröffnung in der Ladengalerie Axel und Annett Schauß, Bernau 2005
 
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