Jürgen Rennert
Berliner Rosé

Collage nach Originalen der Malerin Teutsch


Ich begreife unsere jungen Maler nicht, was sie für künstlerische Ideale in sich tragen. Da bietet ihnen die vaterländische Geschichte und das vaterländische Volksleben eine ganze Menge der prächtigsten, zur künstlerischen Verarbeitung geradezu herausfordernder Stoffe. Was tun sie? Sie malen Porträts und alle möglichen Allerweltsachen. Fragt man Einen: warum greifst Du nicht in Geschichte und Volksleben, so erhält man zur Antwort: diese Stoffe sind zu obskur, in der großen Welt draußen hat niemand für sie Intere umflorter Schachtelhalm auf. Nehmt's für bräutliche Bäume im Staube Brandenburgs, wie rechts im Vordergrund die machtvoll geglückte Symbiose zwischen stämmigem Distelblatt und sich zur Krone aufblätterndem Fichtenzapfen. All das in den bestimmenden Farben des landschaftlichen Nichtmehr und Nochnicht: Fleisch, ein weiß durchwolktes, Himmel und Erde vertröstendes, zaghaft erwachendes Blau, graue Schattierungen und hügelhinan: aufrückende Reiser, Kolonnen gestrichelten Umbras, Verkohltes dazwischen, und helleres Braun. Das Weiß aber - Aschweiß, Schneeweiß, Schaumweiß – umsäumt die lappigen Schuppen besagter Zapfenkrone distelblattstämmigen Baums.
Henri la Douanier landet glücklich in Paris, wo er sich unverzüglich, Historiographen schreiben das Jahr 1904, an ein Porträt seiner Berliner Gastgeberin macht. Ihm angeborene Diskretion verhindert, daß er es "Mademoiselle Allemand" oder noch verfänglicher "Hannelore" tituliert. So findet das Bild schließlich unter dem Namen "Eva" Eingang ins Paradies der Kunstgeschichte und ins Depot der Hamburger Kunsthalle.
Liebermanns Droschke läßt exakt neunundzwanzig Minuten bzw. Jahre auf sich warten. Als sie Raumerstraße 28 vorfährt, entsteigt ihr im Lederzeug ein enervierter Chauffeur, dessen Sohn wenig später, gleichfalls lederbemäntelt, brotlose Lieferwagen zum dann schon ehemaligen Bezirksamt in der Prenzlauer chauffiert: "Herr Professor, die Danziger Straße wimmelt von Nazis. Ecke Prenzlauer war kenn Durchkommen nich. . ."
"Keene Panik, juter Mann", entgegnet Liebermann, "wir nehmen die Senefelder, vorbei an der Eliaskirche, dann über die Danziger rin in die Weißenburger. Nummer 25 wohnt die Kollwitz, det is 'n Sprung von hier."
Liebermann steigt ein, verliert, bevor die Autodroschke anfährt, einige Sätze. Verbürgte an Max Lehrs und nicht verbürgte. H. T., Phlox, das Frolleinchen, Mademoiselle und Jeanette, wie der von ihr ernannte Fürst von Langerwisch sie ruft, diese Frau also, die, wie die Mutter der Dichterin Erb, im Juni Geburtstag hat, stakst wenig später die Route nach und liest die Sätze vom steinernen, mit Hundeexkrementen übersäten Grunde des fünfgeschossigen Mietshauskanals, durch den nur selten der ins Stocken geratene Strom penetranter Herings- und Bratkartoffeldünste, schwammiger Mauerwerksgerüche abfließt.
Die Sätze: "Ich bin immer noch der Meinung, daß Kunst von Können herkömmt: Käme sie von Wollen, so hieße sie Wulst. Doch darin würden mir auch die Jüngsten beistimmen, nur verstehen sie unter Können etwas anderes als ich, der ich überzeugt bin, daß das Können eine Phantasietätigkeit ist, wobei die Technik die Handlangerin ist: Sie projiziert die Phantasie auf die Fläche (wobei es ganz gleichgültig, in welchem Material). Darin besteht eben das Talent, daß der Gedanke in der Ausführung beruht und – die Ausführung im Gedanken, nicht, wie Idioten glauben, in der manuellen Geschicklichkeit (die bei jedem Künstler die conditio sine qua non ist)." Und: "Det nächste halbe Jahrhundert wird beschissen. Nehmen Se passenden Malgrund, am besten dessousfarben."
Das mädchenhafte Fraufräulein sitzt im Hinterzimmer ihrer Ladenwohnung bei Kunstlicht und Kunstseide vorm Stickrahmen. Das mittlerweile durch Militärstrategen profanierte Phänomen himmlischen Feuerregens und der Name jener backsteingotischen dreischiffigen Kirche, rechts und links mit ihren Brandmauern angrenzend an die Brandmauern nur um Turmesspitzenlänge überragter Wohnhäuser, gehen auf ein und denselben jüdischen Propheten zurück: Elija. Und schwarz, Stich um Stich schwarz, sticht die Kirche ab vom verwitterten Gelb benachbarter fensterloser Fassaden. Die schwarzblaue Turmspitze ragt ins Rosé nachgelassenen Nachkriegshimmels, unter dem unerreichbar "In den Zelten" die andere Kongreßhalle gluckt, ungefähr da wird am 4. Juni 1942 Hannelore, zweites Kind der Eheleute Balder und Ingeborg Teutsch, als geboren registriert. Unversehens ergießt sich die Senefelder in die einstige Danziger und jetzige Dimitroffstraße, blau wie der Himmel über den Transsilvanischen Alpen im Lande der Väter. Und doch nicht so leicht. Das liegt am anderen Hintergrund, am Rose des Stoffes, auf dem gestickt wird. Fünf pastellfarbne Kolumnen, die mittlere balkonverziert, nehmen mit schwarzen Fensterhöhlen unter grauorangegescheckter Wolke einer anrumpelnden Straßenbahn die Parade ab, überlassen einer Limousine in Beige, die von rechts kommt, die blau anflutende Fahrbahn. Von Liebermann, der hier übersetzte, ist nichts mehr zu sehen.
H. T. zerschneidet die Fäden, Parze im Himmel einer Stadt im Parterre. Auf dem Nähtisch die ledergebundene Familienchronik aus dem Besitze des Dichters Traugott Teutsch, Bruder des Urgroßvaters Josef, Mädchenschullehrer und Maler. Deren Großvater Johann Teutsch und dessen Sohn Samuel Traugott erfüllen noch das Vermächtnis des Stammvaters, von dem die Chronik schreibt, er habe gegen 1623 als Geistlicher von Groß Iglau, dieser Stadt in Mähren, bei einer daselbst entstandenen Verfolgung der Evangelischen, der Religion wegen, mit vielen anderen weichen müssen, die sich in Siebenbürgen verteilt hätten. Bei dieser Gelegenheit sei er nach Burzenland, und zwar nach Kronstadt gekommen. Hier in der Stadt habe er als Geistlicher keinen Dienst erhalten können, sei aber nach Honigberg als Rektor angewiesen worden, wo er bis an seinen Tod den Rektorsdienst verwaltet habe.
Als sein Urenkel, der Chronist Johann Teutsch das Amt des Stadtpfarrers in Kronstadt antritt, bleibt die Hallenser Universität aus Gründen politischer Brandgefahr vorübergehend geschlossen. Ihr außerordentlicher Professor für Theologie, Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher, übersiedelt endgültig nach Berlin. Wo sich Kanonier- und Taubenstraße schneiden, nimmt er Logis. Sein Garten überdauert anderthalb Jahrhunderte, und das heißt in Berlin: alles. Ein Jahrzehnt lang hat ihn die als Buchgrafikerin bestallte, nachgeborene Teutsch tagsüber vor Augen, wenn sie den Tisch, an dem sie funktionell fabuliert, verläßt und ans Fenster tritt. Im Blick über die Straße hinweg aus zweigeschossiger Höhe: immergrünes Areal, rechteckig, mehr als mannshoch ummauert, mit steinernem Dreiecksgiebel über dem Rundbogen eingelassener Pforte. Das sind die Konstanten zweier Bilder, die sie malt, traumhaft genaue Variationen in Dur und in Moll über eine Enklave romantisch und liberal gestimmten Berlins.
Ein Nylondraht im Astwerk des stämmigsten Baums, der Platane, in Schleiermachers Garten. Zwei Tage lang stirbt zwischen Himmel und Erde eine Taube. Selig sind die Friedfertigen, niemand riskiert einen Schuß. Schließlich wird sie geborgen, verscharrt. Aber sie lebt noch: im farbigen Durklang ummauerten Sujets. Hinter zementenem Putzwerk blüht auf russischem Grün das leuchtende Rot zweier Dahlien. Es fehlt die Platane. Statt dessen, aufschießend hinter dem Dreispitz des Tores, eine grüne Fontäne mit lila Blütenbesatz auf zahlreich niederschwingenden Bögen. Rechts die Kastanie, gelehnt ins Nichtmehr senkrecht ins Endlose aufwachsender Mauer, steingraue, acht Millimeter breite Parallele zum Rand. Zwischen grüner Kaskade und Kastaniengrün, dicht vor der hinteren, gleichfalls betongrau verputzten Umrandung hockt auf steinernem Sockel klassischen Monuments die graublau gefiederte, gurrende Seele Berlins. Der leichte Himmel dahinter wird allein sichtbar im Durchbruch der Fenster violetter Bürohausfassade, die über den oberen Bildrand vermutlich hinauswächst und links an die steinernen Pfosten eines gigantischen Tores stößt. Aber das sind die vergrößerten Fundamente zweier korrespondierender Häuser im lakonischen Stil jener Zeit. Das gedämpfte Ziegelrot ihrer Mansardendachgiebel intoniert den Mollklang der zweiten, der nächtlichen Variation über Schleiermachers Garten: verschwunden die Bäume, die Dahlien, das Denkmal, die Taube. Ein stilles Grün liegt unterm weitenden Mondlicht. Links die beiden weißleuchtenden Kuben der fensterlosen, maßvoll verkleinerten Häuser. Der Streif nächtlichen Himmels am oberen Bildrand drängt tröstlich zurück, was im Tagbild als durchfensterte Fassade grenzenlos mächtig aufwuchs.
Das Bild hinter dem Bilde bleibt noch zu denken. Die Malerin Teutsch malt nicht so schnell.

 
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