Hannelore Teutschs Bilder zeigen große Ruhe, Einfachheit und Klarheit. Das szenische Inventar ist überschaubar, die Erzähllust gedämpft und modischer Zeitgeist wird von ihr als ebenso nebensächlich erachtet wie die Anlehnung an stilistische Eskapaden. Wie aus der Zeit gefallen, bezaubern ihre Bildgeschichten durch ihre Atmosphäre und durch die sichere Hand der bildnerischen Gestaltung. Mit ihrem rätselhaften Sinn und der melancholischen Grundstimmung scheinen sie wie aus einer Traumwelt aufgetaucht. Und wer genau hinschaut, erfährt etwas darüber, wie Hannelore Teutsch sich ihren Motiven nähert, wie sie jedes ihrer Bilder unvoreingenommen, ja staunend, mit ebensoviel Ernsthaftigkeit wie hintersinnigem Humor ergründet. Auf dieser von innerer Souveränität u nd Sensibilität geprägten Weltsicht aufbauend, spielt sie mit visuellen und psychologischen Zweideutig­keiten, inszeniert Situationen, deren lyrischer Ausdrucksgehalt nicht zuletzt von meditativen Komponenten bestimmt wird. So macht sie die Sinne des Betrachters frei für die eigentümliche Verwobenheit von Wirklichkeit und Fiktion, von streng gebauter Komposition und naiver Erzählhaltung, von lakonischer Dingwelt und der Magie der Bilder.
Bei alledem bevorzugt Hannelore Teutsch alltägliche Motive wie Wohnzimmerszenen mit einer versponnenen Atmosphäre, verortet die Freuden der züchtigen Hausfrau und führt uns in Vorstadtstraßen, deren nüchterne Fassaden den Eindruck kühler Anonymität ebenso vermitteln wie ihre dunkelfarbigen Mauern und Fassaden das Geheimnisvolle, das Abgründige erahnen lassen. Im Naheliegenden die Welt zu ergründen, den romantischen Gefühlswerten einer Raumstimmung Aufmerksamkeit zu zollen, psychologische Genauigkeit walten zulassen und die unaufgeregte Zeitlosigkeit der Motive zu beschwören, bedeutet ihr mehr, als die Übereinstimmung mit der tatsächlichen Örtlichkeit zu suchen. Gerade in den in den stadträumlichen Bildern mit den schmucklosen Häuserzeilen, den Straßenachsen, Brückendurchfahrten und Bahnübergängen kommt es zur Verbindung von konkreten Ansichten und erfundenen Situationen, wobei dass Topografische nur als Ausgangsmaterial genutzt wird, um ein bildnerisches Äquivalent ihrer Weltsicht zu schaffen. Auch wenn die Häuser in Veneto ihren speziellen mediterranen Reiz entfalten, ist doch immer wieder Berlin der Ort, das beherrschende Motiv ihrer Kunst, das sie durch rigorosen Formwillen, höchste Konzentration und Sparsamkeit der Mittel zu poetischer Formel steigert. Mit der unbewegten, fast stilllebenhaften Sicht auf die Stadt, mehr noch auf einzelne Bauwerke, den menschenleeren Raum, wo dunkle Schatten eine mysteriöse Spannung und eine bedrückende Stille erzeugen, beschwört sie eine geradezu hintergründige Metaphorik. Mit dieser, der stimmungsvollen Strenge und dem beunruhigenden Schweigen reglos verharrender Figuren hat sie eine besondere Note in die Berliner Stadtlandschaft gebracht, wie wir sie von Konrad Knebel, Klaus Roenspieß oder Hans-Otto Schmidt kennen.
Nicht weniger distanziert erscheint die kühle Sachwirklichkeit in den streng gebauten Stillleben. Hier wird Darstellung auf wenige, sorgfältig auf der Tischfläche arrangierte Utensilien wie Spiegel, Kannen oder Flakons reduziert. Alles Entbehrliche ist weggelassen und wie in allen anderen Sujets bleibt nichts dem Zufall überlassen. Klar umrissen und in diffuse Helligkeit getaucht, zeigen sich die in Reihen oder in losen Gruppen arrangierten, profanen Objekte der Alltagskultur, die - von ihrer Umgebung isoliert, eigene Präsenz entfalten. Nicht zuletzt der wohl abgestimmten Koloristik, der Verschränkung einzelner Flächen wegen, werden die Stillleben schließlich zu klangvollen Farbensembles.
Kunsthistorisch betrachtet, bedient Hannelore Teutsch den Motivschatz und die konkrete Dinglichkeit der Neuen Sachlichkeit und des magischen Realismus. Deutlich wird das in der geistigen Auseinandersetzung mit der Objektwelt, der unsentimentalen, von kontrollierten Emotionen bestimmten Sehweise, dem fest gefügten Bildaufbau und der weitgehend konturscharfen Malweise sowie der Freihaltung der Bilder von aller handschriftlichen Gestik. Wichtiger noch als der Verweis auf Traditionslinien ist jedoch die Eindringlichkeit der Bilder selbst, der Ausdruck von Gefühlen, Stimmungen, von Eindrücken, von Flüchtigkeiten, von all dem, was das Leben im eigentlichen Sinne konstituiert. Gerade weil die Inhalte den banalen Alltag repräsentieren, verführen uns die Bilder mit ihrer scheinbar verblüffender Einfachheit dazu, eine Welt zu entdecken, die wir gut zu kennen meinen, um gleich darauf die Illusion wieder zu verlieren, weil Hannelore Teutsch uns eine individuelle Version der metaphysischen Welt vorführt, in der sie das Vorhandene wie das Verlorene gleichermaßen sucht. „…solche schöpferische Fähigkeiten der Seele haben sich Künstler zu bewahren gewusst, und darum können sie ihren Mitmenschen die Türe zum verlorenen Paradies der Kindheit offenhalten, zu Allem, was das Leben erst lebenswert macht…“, heißt es in einem Ausspruch von Werner Heldt, den ich, nicht ohne Hintersinnigkeit, an dieser Stelle zitieren möchte.
In den jüngeren Stadtbildern mit ihren linearen Umrissen, dem harten, lange Schatten werfenden Seitenlicht, mit den kargen, eher rational erscheinenden Kompositionen, lenkt kein Detail von der plastisch gesehenen Form ab. Die konturscharfe Malweise ist von einem hyperreal anmutenden Gestaltungsprinzip, von einer magischen Stille der Formen durchdrungen. Mit der Einbindung surrealer Bedeutungszeichen, der Konstruktion herkunftsloser Schatten oder der Tatsache, dass einzelne Bildgegenstände sich in Abwandlungen wiederholen, wird die poetische Sachlichkeit hinterfragt und verfremdet. Einzelne Passanten oder herumstehende Wartende machen die ereignislose Stille und Einsamkeit der Straßen und Plätze noch beklemmender. Die unmittelbare Konfrontation der Gestalten, die fest umrissen und plastisch modelliert im Raum erscheinen, vermittelt oft ein Gefühl von Verlassenheit, von angstvoller Unruhe, von Skepsis und leiser Trauer. Gewährt Hannelore Teutsch mit der in den entrückten Frauenfiguren, mehr noch in den psychologisch nuancierten und brillant gemalten Porträts Einblicke in ihr Innenleben? Angesichts des Einfühlungsvermögens, mit dem gerade die Bildnisse gearbeitet sind, erhebt sich schon die Frage, ob diese eine Stellvertreterposition einnehmen oder ob sie - alter ego der Künstlerin - Anlass sind, sich mittels Sublimierung durch die Kunst auf der Leinwand zu erkennen zu geben - als existenzielle Möglichkeit der Lebensbewältigung, wie es, um im Bild zu bleiben, Oscar Wilde im Bildnis des Dorian Gray mutmaßte. Sei´s drum! Ob Hannelore Teutsch ein bestimmtes Lebensgefühl schildert, oder mit der Leere eines Raumes Intensität ausdrückt oder auf der Suche nach der verlorenen Zeit ist – das mögen Sie, meine Damen und Herren- im Dialog mit den ausgestellten Bildern selbst entscheiden.

Herbert Schirmer, Lieberose, 26. Juni 2010
Eröffnung in der Rathausgalerie Biesenthal

 
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